Nachgefragt – bei Julia Offe

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Julia Offe bringt Wissenschaft in Clubs und Kneipen. Foto: Gesine Born

In der Reihe „Nachgefragt“ stellen wir in loser Folge Menschen vor, die in der Wissenschaftskommunikation arbeiten. Mit 17 Fragen – und 17 Antworten, mal ernsthaft, mal humorvoll.

In Ausgabe Siebenunddreißig sprechen wir mit Julia Offe, promovierte Molekularbiologin, selbstständige Wissenschaftskommunikatorin und Organisatorin von Science Slams, Nerd Nites und Science Podcast Night.

Eine gute Kommunikatorin braucht…?

Ein gewisses Maß an Extrovertiertheit, um auf Leute zugehen zu können. Und man sollte einschätzen können, was man weiß und was nicht, und vermeiden, über Dinge zu sprechen, von denen man keine Ahnung hat. Das fällt manchen nicht leicht.

Was hat Sie dazu bewogen, in der Wissenschaftskommunikation zu arbeiten?

Viele Jahre im Labor und zwei Erkenntnisse: Erstens: Wir müssen nicht nur gut forschen, sondern gerade als Molekularbiologen, die Tierversuche machen und gentechnisch arbeiten, auch gut nach außen hin erklären können, was wir tun. Zweitens: Ich konnte mir nicht vorstellen, mein Leben einem einzigen Protein zu widmen. Mir reichten da schon die paar Jahre Doktorarbeit. Ich brauche mehr Abwechslung – ein Science Slam mit sechs Vorträgen aus unterschiedlichen Fächern? Perfekt!

Ihr Arbeitsalltag in drei Schlagworten?

Wie bei vielen anderen auch: Reden, Mails schreiben, telefonieren. Glücklicherweise fast immer mit netten und interessanten Menschen.

Was war Ihr schönstes Erlebnis als Kommunikatorin?

Wenn ich nach einem Science Slam mitbekomme, wie sich Leute an einer nahegelegenen Bushaltestelle oder in einer Kneipe mit ihren Freunden über die Vorträge unterhalten – dann freue ich mich immer sehr.

Was war Ihr größtes Kommunikationsdesaster?

Es ist noch kein Desaster passiert, aber es gibt etliche Leute, mit denen kann man ganz schwer Absprachen treffen. Sie antworten auf Fragen wie: „Brauchst du an dem Abend ein Hotelzimmer?“ oder „Gibt es vor Ort ein Headset?“ oder „Könntest du dich um Getränke kümmern?“ gerne mit: „Wahrscheinlich nicht“, „müsste eigentlich“ oder „ich versuch‘s.“ Leute, falls Ihr mitlest: So kann man keine Veranstaltungen planen!

Welche Ihrer Eigenschaften stört Sie im Arbeitsalltag am meisten?

Die Misanthropie. Nein, im Ernst, wenn ich an einem Tag schon mit 20 Menschen gesprochen habe, dann lernt mich der 21ste nicht mehr von meiner besten Seite kennen.

Mit welcher (historischen) Person würden Sie gerne essen gehen?

Mit einer der Frauen, die Anfang des letzten Jahrhunderts ihren Platz in den Naturwissenschaften erkämpft haben, Emmy Noether, Clara Immerwahr oder Lise Meitner. Wer weiß, wie mein Lebensweg ohne sie ausgesehen hätte!

Ihre Lieblingswissenschaft?

Biologie wäre jetzt zu einfach, oder? Stimmt aber. Die Platane vor meinem Fenster, die Taube auf dem Fensterbrett und ich selbst an meinem Schreibtisch sind alle das Ergebnis von 600 Millionen Jahren Evolution – das ist doch einfach cool, oder?

Welches Forschungsthema würden Sie äußert ungern kommunizieren?

Irgendein „Ergebnis“, das zu schön klingt, um wahr zu sein – das ist es nämlich meistens auch nicht. Man sollte die Einschränkungen („im Tierversuch“, „in einer kleinen Studie“, „es gibt Hinweise“) immer mitkommunizieren. Leider ist es dann weniger sexy.

Ohne Hindernisse wie Geld oder Zeit: Welches Projekt würden Sie gerne umsetzen?

Wir haben im September in Hamburg einen Science Slam in der U-Bahn veranstaltet, das war gigantisch – wenn es nach mir ginge, wären Wissenschaftler/innen in der U-Bahn genau so häufig zu sehen wie Musiker und Zeitungsverkäufer.

In welchem Bereich würden Sie gerne arbeiten, wenn nicht in der Wissenschaftskommunikation?

Als Sängerin. Da ich völlig talentfrei bin, fällt das leider flach.

Wissenschaftskommunikation im Jahr 2030 ist …

hoffentlich zwischen den ganzen Fake News und Pseudowissenschaften noch nicht ganz untergegangen.

Was halten Sie für die größte Errungenschaft der Wissenschaftsgeschichte?

Die Entdeckung der Mikroorganismen. Vorher musste man sich Krankheitsübertragung ja mit magischen Dingen erklären, mit Flüchen oder göttlicher Strafe für das eigene Verhalten. Danach wusste man: Hände mit Seife waschen und Trinkwasser abkochen – und zack, doppelte Lebenserwartung.

Wie haben Sie sich als Kind die Zukunft vorgestellt?

In den 80ern herrschten ja die apokalyptischen Zukunftsszenarien mit einer zerstörten Umwelt vor, Abholzung des Regenwaldes, Verseuchung der Meere, Verlust der Biodiversität. Dass ich Biologin werden möchte, um mehr über Lebewesen zu lernen, weiß ich seit der Vorschule.

Wie bekommen Sie bei Stress am besten Ihren Kopf frei?

Eigentlich gar nicht. Wenn eine stressige Woche vor mir liegt, dann verfluche ich mich zwar vorher dafür, aber hinterher freue ich mich über alle Erlebnisse und Begegnungen. Das entschädigt für vieles.

Kollegen helfe ich gerne bei…/Ich stehe gerne Rede und Antwort zu…?

Ich vermittele gerne, wenn jemand eine/n Experten/in zu einem bestimmten Thema sucht, oder, wenn jemand eine Idee für ein Wissenschaftskommunikationsformat hat und nicht weiß, wie er/sie es angehen soll. Dann kann ich dabei helfen, das einfach mal auszuprobieren.

Wem würden Sie den Fragebogen gerne schicken und welche Frage würden Sie ihm/ihr gerne stellen?

Gerne einem der leidenschaftlichen Pseudowissenschaftler! Jemandem, der unermüdlich im Internet für das Konzept der Flachen Erde, die segensreiche Wirkung der Homöopathie oder den Kreationismus agitiert. Vielleicht könnte man an den Antworten erkennen, ob bei denen noch ein kleiner Rest Realitätsbezug vorhanden ist. Das würde ich sehr gerne wissen.

 

Krise – welche Krise? 19 Thesen zu Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus

Zum Thema:

  • Die Krise des Wissenschaftsjournalismus ist keine Krise des Wissenschaftsjournalismus, sondern eine Krise der Medien, genauer: der Medientransformation durch das Internet.
  • Diese Medientransformation schreitet voran, wir befinden uns erst ganz am Anfang.
  • Beim übergeordneten Problem (der Rolle der Medien in einer Demokratie) genügt es nicht, die Medien und die für sie arbeitenden Journalisten zu fördern und „am Leben zu erhalten“.
  • Es geht für die Demokratie um das Öffentlichmachen von nachprüfbaren, auf Fakten basierenden Informationen und unabhängigen, kritischen Einordnungen.
  • Aufgabe der Politik ist es, die Entwicklung von Geschäftsmodellen und Rahmenbedingungen zu fördern, wie diese Informationen und Einordnungen in einer transformierten Medienlandschaft unabhängig gewonnen, veröffentlicht und erkannt werden können. (Ein Beispiel: MediaLab in Bayern „Rocking Science Journalism“)
  • Das ist Medienpolitik, nicht Forschungspolitik.

Zum Wissenschaftsjournalismus:

  • Wissenschaftsjournalisten sind kein Teil des Systems Wissenschaft (damit auch nicht der Wissenschaftskommunikation), sie sind Teil des gesellschaftlichen Systems Medien.
  • Die Medienkrise, unter der die Wissenschaftsjournalisten leiden, besteht vor allem darin, dass den herkömmlichen Medien und damit den Wissenschaftsjournalisten die Leser/Zuhörer davonlaufen (und es mit dem Älterwerden junger Menschen noch verstärkt tun werden).
  • Dadurch entsteht jedoch kein Mangel an Informationen über Wissenschaft (siehe Abschnitt Wissenschaftskommunikation), sondern ein Mangel an unabhängigem, kritischem, einordnendem Wissen über Wissenschaft – es fehlt an verarbeiteter Information.
  • Das Problem ist dreifach: Dieses Wissen wird im Internet nicht geliefert (oder gefunden), in den Medien zu wenig nachgefragt und es wird von den Wissenschaftsjournalisten oft nicht geliefert. (Beispiele:Plastikmüll im Essen, Stickoxid-Papier der Lungenärzte).
  • Generell wird die Rolle von Wissenschaftsjournalisten in der Wissenschaftskommunikation überschätzt, vor allem von Seiten der Wissenschaft/Wissenschaftskommunikation. Der überwiegende Teil gesellschaftlich relevanter Wissenschaftsinformationen kommt über andere Ressorts und andere Wege in die Öffentlichkeit. Es fehlt eher an Wissenschaftsexpertise in den aktuellen Ressorts, vor allem auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Zur Wissenschaftskommunikation:

  • Die Wissenschaftskommunikation, also die Kommunikation der Wissenschaft mit der Gesellschaft, befindet sich in keiner Krise – im Gegenteil, sie ist mitten in einem beispiellosen Aufschwung.
  • Getrieben wird dieser Aufschwung durch zunehmende Rechtfertigungsansprüche der Politik, durch wachsende Professionalisierung der aktiv Kommunizierenden sowie durch die großartigen Möglichkeiten des Internets, Informationen direkt (ohne Gatekeeper) an relevante Zielgruppen und die Öffentlichkeit zu bringen – leider nur zum geringen Teil durch zunehmendes gesellschaftliches Bewusstsein der Wissenschaftler.
  • Wissenschaft ist eine gesellschaftliche Veranstaltung, die sich die Gesellschaft leistet, weil sie von ihr profitiert, nicht nur materiell (wirtschaftlich nutzbare Ergebnisse), sondern vor allem auch kulturell (z.B. neues Wissen, faktenbasierte Debattenkultur, Ausbildung der Vordenker, Entscheidungen in Unsicherheit usw).
  • Andererseits: Alles was Wissenschaft ausmacht, bekommt sie von der Gesellschaft (u.a. Finanzen, gut ausgebildeten Nachwuchs, Vertrauen, zahlreiche Privilegien, bis hin zur Freiheit der Forschung).
  • Diese Gesellschaft hat sich in den vergangenen 20 Jahren rasant verändert (und ist noch dabei), fordert (unabhängig von fachlicher oder politischer Kompetenz) mehr und mehr Transparenz, Partizipation, ja Mitentscheidung – gepaart mit immer stärker spürbarem Neidkomplex, Trend zur Egalisierung und Tendenz zur Skandalisierung.
  • In einer derartigen Gesellschaft kann Wissenschaft ihre Privilegien – die sie braucht, um auf hohem Niveau zu arbeiten – nur behaupten, wenn sie frühzeitig und engagiert kommuniziert, die Bedürfnisse der Gesellschaft wahrnimmt, ihre Rolle für einen demokratischen Staat darstellt und untermauert.
  • Eine leistungsfähige Wissenschaft in der Zukunft braucht heute eine wettbewerbsfähige (zu anderen gesellschaftlichen Bereichen) und bidirektionale Wissenschaftskommunikation (zuhören, reagieren, handeln, darstellen) – um die privilegierten Rahmenbedingungen für ihre Arbeit zu rechtfertigen, zu bewahren und gesellschaftspolitisch abzusichern.
  • Das Bewusstsein in der Wissenschaft zur gesellschaftspolitischen Bedeutung von Wissenschaftskommunikation ist ausgesprochen gering, wenn es nicht um direkte Vorteile (Einfluss, Fördermittel) geht. Dies ist das größte Problem der Wissenschaftskommunikation heute. Notwendig ist ein Umdenken. Der Generalsekretär der Volkswagenstitung Wilhelm Krull: „Wir brauchen einen Kulturwandel in der Wissenschaft“.

Felder für die Förderung (materiell und ideel):

  • Ausbildung für Wissenschaftskommunikatoren auf hoher akademischer Ebene (mit Promotion) und großer Praxisnähe. Spezifische Fortbildungsangebote.
  • Anerkennung von guter Wissenschaftskommunikation als wissenschaftlicher Leistung (auch und besonders für jüngere Wissenschaftler).
  • Förderung der Forschung über Wissenschaftskommunikation, vor allem über effektive Wege und Wirkungen.
  • Förderung des gesellschaftspolitischen Bewusstseins (und der Rolle der Kommunikation) in der Ausbildung von Wissenschaftlern.
  • Bewußtsein wecken bei Wissenschaftlern für die Bedeutung von Wissenschaftskommunikation für die Zukunft des Systems Wissenschaft. Also: Förderung des gesellschaftspolitischen Denkens bei den Wissenschaftlern.

Hirndoping, Paperdoping & Hitler

Aber nicht nur der träge Geist ist Gegenstand von Optimierungsversuchen. Auch die Produkte der akademischen Tretmühle wollen und sollen optimal vermarktet werden. “Academic Search Engine Optimization” lautet hier das Stichwort. Und am Ende wirbt Hitler für die Bildung von Fahrgemeinschaften.

Neuro-Enhancement: Dem Geist auf die Sprünge helfen

Seit mindestens 4-5 Jahren wird immer wieder über die Möglichkeiten des Neuro-Enhancement diskutiert. Daß sich bestimmte Substanzen wie Ritalin, Amphetamine oder natürlich auch profanes Koffein auf die kognitive Leistungsfähigkeit auswirken, ist unbestritten. Unklar ist freilich, welche (Neben-)folgen ein solchermaßen betriebenes Hirndoping hat und wie verbreitet es ist.

Eine aktuelle deutsche Studie, an der immerhin 2569 Studenten teilgenommen haben, liefert jetzt eine interessantes Ergebnis: 23,7% der männlichen Studenten und 17% der Studentinnen gaben im Fragebogen an, daß sie in den letzten Monaten zu leistungsfördernden Substanzen gegriffen haben. Leider bleibt die Studie die Antwort schuldig, wie regelmäßig das passiert.

Mehr dazu:

Lesetipp: Blogprojekt zum Thema Hirn-Doping

Ein wirklich empfehlenswertes Blogprojekt zum selben Thema findet man derzeit übrigens unter www.hirn-sturm.de. Blogautoren sind Wissenschaftsjournalismus-Studenten der Hochschule Darmstadt. Und es ist wirklich sehenswert, was dort zu sehen ist. Da gibt es kurze Infotexte zu bestimmten Medikamenten und ihrer Wirkungsweise, Interviews mit Experten und toll gemachte Erklärvideos. Zum Start empfehle ich einfach mal das Statement von Ranga Yogeshwar zum Thema und das Interview mit dem Technikphilosophen Alfred Nordmann:

  • Ranga Yogeshwar: hirn-sturm.de fördert einen wichtigen Diskurs
  • Interview mit Alfred Nordmann: „Die Scham des Menschen, nicht so gut zu sein wie eine Maschine“
  • Suchmaschinenoptimierung für Fachartikel

    Publikationen sind ja vielleicht die zentrale Währung im akademischen Betrieb.1 Publikationen sind die Referenzpunkte, auf die mit guten Gründen Bezug genommen wird, sie bereichern die individuelle Publikationsliste und erhöhen somit die Karrierechancen. Und sie sind natürlich auch Rechtfertigung und Arbeitsbeleg gegenüber Geldgebern für die jeweiligen Forschung. Umso erstaunlicher, daß verhältnismäßig wenig Aufwand betrieben wird, um seine Fachaufsätze optimal zu positionieren.

    Klar, mitentscheidend (für Prestige und Sichtbarkeit) ist zunächst die Zeitschrift, in der man den Aufsatz veröffentlicht. Aber damit ist es eigentlich nicht getan. Christian Reinboth zeigt, wie Veröffentlichungen auf Institutswebsites oder akademischen Social Networks plaziert werden können, um auffindbar zu sein. Ich kann mir gut vorstellen, daß das die Chance zitiert zu werden, deutlich steigern kann.